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Verleihung des Preises der Deutschen Gesellschaft e.V. für Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung

Laudatio auf Friede Springer (9. November 2017)

 

Der 9. November – er ist der deutsche Schicksalstag.

Es ist ein Datum voller Gegensätze. 1918 Ausrufung der ersten deutschen Republik. Und 1938 – die Schande der Reichspogromnacht. Damals wurde mit den brennenden Synagogen der Weg in den Abgrund, auf den sich unser Land begeben hatte, für alle sichtbar.

Und dann erinnern wir uns an das Jahr 1989, an den Fall der Berliner Mauer. Der 9. November wurde so auch zu einem Tag grenzenloser Freude, der glücklichste Tag der Deutschen. Er hat unser Land verändert – und mit uns ganz Europa.

Vergessen wir nicht, dass die Entwicklung, die 1989 zum Mauerfall und nicht einmal ein Jahr später zur Wiedervereinigung geführt hat, nicht in Deutschland begann. Sie hat begonnen mit der Wahl eines Polen zum Papst und mit der Solidarność in Danzig. Es bedurfte Gorbatschows Perestroika und es brauchte den Mut der Ungarn, die als erste den Eisernen Vorhang zerschnitten, und all der anderen Freiheitsbewegungen in den Staaten des früheren Ostblocks.

Unsere Einheit konnten wir Deutschen nach der friedlichen Revolution in der DDR nur gewinnen, weil Europa seine Teilung überwinden wollte. Es gibt deshalb wohl kaum einen passenderen Tag für einen Preis, der Verdienste um die deutsche und europäische Verständigung würdigt. Und der dabei die Geschichte nicht außer Acht lässt.

Mit Friede Springer zeichnen wir eine Persönlichkeit aus, die sich dieser Zusammen­hänge bewusst ist. Und die mit ihrem sozialen Engagement dazu beiträgt, die historischen Zusammenhänge in der Gesellschaft bewusst zu halten.

Der 9. November 1989 ist einer dieser seltenen Tage, bei denen jeder, der ihn erlebt hat, noch genau weiß, wo er damals war und was er getan hat. Sie, liebe Frau Springer, waren gemeinsam mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister bei einer Preisverleihung. Als die unglaubliche Nachricht eintraf, waren Sie vielleicht besser darauf vorbereitet als andere Anwesende: zu den ehernen Grundsätzen Ihres Verlags zählte schließlich immer das Festhalten an der deutschen Einheit.

Der überrumpelte Regierende Bürgermeister fuhr erst auf Ihren Rat hin ins Schöneberger Rathaus. So haben Sie es einmal erzählt. Sie selbst standen später in der Nacht am Fenster Ihres Verlagsgebäudes in der Kochstraße und schauten auf die Trabi-Kolonnen. Das war unweit von hier, Unter den Linden, keine 500 Meter Luftlinie – aber damals trennten den Verlagssitz und diesen Ort hier noch Welten.

Vielleicht haben Sie, liebe Frau Springer, auch ganz persönlich Genugtuung empfunden. Denn Ihr wenige Jahre zuvor verstorbener Mann hatte Recht damit behalten, wofür er belächelt, sogar verächtlich gemacht worden war. 1967, vor fünfzig Jahren, nahm der Springer-Konzern offiziell seinen Hauptsitz in Berlin. Die Planungen dafür hatten bereits 1958 begonnen, noch vor dem Bau der Mauer. Aber Axel Springer hielt an seinen Plänen fest. Gebaut im Schatten der Mauer, strahlte das Springer-Hochhaus als ein Leuchtturm des Westens weit über sie hinaus.

Dieser Bau und die Übersiedlung des Springer-Verlags von Hamburg nach Berlin waren ein symbolischer Akt, ein Bekenntnis zu Berlin, und zu Freiheit, Demokratie und Einheit. An der Seite ihres späteren Mannes wurde auch die Friesin Friede Springer zur Berlinerin. Und sie ist es bis heute geblieben.

Vom Dach des Neubaus konnte 1966 Oskar Kokoschka die geteilte Stadt überblicken. Er berichtete, was er sah: „Eine menschenleere Wüste, wie eine Mondlandschaft, durch Minenfelder, Hochspannungsleitungen und Drahtverhaue von dem wimmelnden Leben quer über die Straße abgesperrt.“ Wer heute hierhergekommen ist, in die lebendige Mitte Berlins, kann sich den Kontrast größer kaum denken. 

Nehmen wir das noch wahr? Deutschland ist ein ungemein lebenswertes Land. Manchmal gewinnt man aber den Eindruck, als wüssten andere das besser als wir selbst. Wir alle leben in Freiheit und Sicherheit, die allermeisten auch in zumindest geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen. Selbstverständlich ist das nicht. Und doch tun wir oft genug so, als sei es das.

Der 9. November erinnert uns daran, worauf es ankommt. Er steht – so wie der 3. Oktober für den Einheitswillen – für die Kraft der Freiheit. Mit diesem Tag verbindet sich ein Gewinn an persönlichen Freiheiten, an neuen Möglichkeiten. Aber die Ordnung, die das Grundgesetz heute allen Deutschen und denen, die hier leben, gibt, ist keine Einladung zur Verantwortungslosigkeit.

Das Grundgesetz garantiert umfassende Freiheiten. Aber diese gelten nicht absolut. Freiheit braucht Grenzen – und Selbstbeschränkung. Die Freiheit des Einen begrenzt die des Anderen. Wir sind zur Freiheit verpflichtet und diese Freiheit nimmt uns in die Pflicht: unser Leben bewusst zu gestalten, für unsere Werte und unsere Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen. Für uns selbst. Und für die Gemeinschaft.

Engagement und Bürgersinn kann der Staat nicht verordnen; aber er baut darauf auf. Eine Freiheitsordnung ohne Engagement von Menschen, die Verantwortung übernehmen, funktioniert nicht. Wir kennen doch, wohin das Gegenteil, wohin Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Respektlosigkeit führt. Erst das freiwillige Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, die großmütig ihren Beitrag zum Gemeinwesen leisten, bringt Menschlichkeit und Wärme in die Gesellschaft.

Friede Springer weiß das. Sie hat sich mit ihrem Wunsch, etwas für die Allgemeinheit, für die ganze Gesellschaft zu tun, diese Freiheit genommen. Mit ihrer Stiftung trägt sie dazu bei, soziale Kräfte zu mobilisieren, die für ein gutes Miteinander entscheidend sind.

Die legendären Grundsätze, die sich der Springer-Konzern vor genau 50 Jahren erstmals gegeben hat, wurden inzwischen den Zeitläuften angepasst. In ihrem Wesensgehalt sind sie unverändert. Sie bezeichnen einen Standpunkt – und diesen teilt Friede Springer. Sie bekennt sich mit ihrer privaten Stiftung explizit zum freiheitlichen Rechtsstaat, zur freien sozialen Marktwirtschaft und zum europäischen Einigungsprozess. Gegenüber jeglicher Art von politischem Totalitarismus sieht sie die Europäer der freiheitlichen westlichen Wertegemeinschaft verpflichtet – im transatlantischen Bündnis mit den USA.

Friede Springer trägt damit das ideelle Vermächtnis ihres Mannes weiter. Das unternehmerische Erbe hat sie nie ‚nur‘ verwaltet – dabei wäre das doch schon auslastend genug gewesen. Sie sagt von sich selbst, nie zurückgeschaut zu haben. „Yesterday“ von den Beatles mag zwar ihr Lieblingslied sein, wie ich gelesen habe – eine Hymne ihrer, unser beider Generation. Tatsächlich aber hat sie nie rückwärtsgewandt gehandelt. Im Gegenteil: Sie hat ein Spitzenmanagement um sich versammelt und den „Mammut-Verlag“, wie Axel Springer seinen Konzern nannte, in einer Zeit des Wandels vor dem Aussterben gerettet. Mehr noch: ihn für die Zukunft als größten europäischen Medienkonzern weiterentwickelt, vom traditionellen Printhaus zur Digitalzentrale – so schwer es ihr auch selbst fällt, sich Axel Springer im Internet-Zeitalter vorzustellen.

Ich habe mit Sympathie und mit großem Respekt die Art und Weise beobachtet, wie ihr das alles gelungen ist. Sie selbst sagt, sie habe „Fortune“ gehabt. Das trifft die Sache, denn es meint so viel mehr als nur Glück. Es denkt das Schicksalshafte mit und das persönliche Vermögen – nicht im monetären Sinne, sondern Charakter, Tatkraft, Pflichtbewusstsein.

Bei Friede Springer geht Machtbewusstsein mit entwaffnender persönlicher Bescheidenheit einher. Gesellschaftlicher Einfluss mit Diskretion im Privaten. Im lauten unternehmerischen Verlags- und Mediengeschäfts mit seinen Härten fällt sie gerade dadurch auf, dass sie leise auftritt, selbstbeherrscht, besonnen. Im Unterschied zu manch einem medial zum Vorbild stilisierten Manager gehört Friede Springer damit zur unternehmerischen Elite im besten Sinne. Sie gehört zu der kleinen Gruppe von Persönlichkeiten, die zu echten Vorbildern taugen.

Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, feste sittliche Normen: Für Wilhelm Röpke, einem der Vordenker unserer Sozialen Marktwirtschaft, waren das Werte, die der Mensch, der auf den freien Markt geht, mitbringen muss – aus seiner Familie, aus Bindungen an die Kirchen, durch Prägungen überkommener Traditionen.

Ein funktionierendes Gemeinwesen bedarf solcher Werte, das steht außer Frage. Mit der Globalisierung und durch die rasante Entwicklung digitaler Kommunikationsmittel lösen sich diese Bindungen zunehmend auf. Das birgt Risiken. Denn ohne inneren Zusammenhalt kann eine moderne Gesellschaft nicht dauerhaft bestehen. Der Mensch ist doch auf Bindungen angewiesen, jede Gesellschaft braucht Bindungen und Werte. Und wir brauchen ein Fundament von Werten, die die Gesellschaft zusammenhalten. Deshalb braucht es zur Wertevermittlung mehr denn je Vorbilder, anders geht es schlecht.

Da ist jeder gefragt, nicht zuletzt die Eliten und Entscheidungsträger mit ihrer herausgehobenen Position in der Gesellschaft. Es braucht Persönlichkeiten wie Friede Springer, die ihre Verantwortung erkennen und danach handeln. Gerade weil wir heute eine wachsende Distanz zwischen Eliten und einem Teil der Bevölkerung fast überall in den westlichen Demokratien sehen – und das nicht ohne Grund. Die Bereitschaft und Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln hat vielfach nicht Schritt gehalten mit den Möglichkeiten und auch den Versuchungen, die unsere freiheitliche Ordnung beinhaltet. Wer Elite sein will, darf sich nicht abkoppeln vom Rest der Gesellschaft.

Wir reden heute wieder über Anstand. Ein altmodisches Wort – und eine Tugend, die wieder gefragt ist. Bücher dazu bringen es auf die Beststeller-Listen. Wir haben das selbstverständliche Bedürfnis danach, dass es in unserer Gesellschaft anständig zugeht. Und wir spüren gleichzeitig, dass Maßstäbe verrückt sind.

Axel Hacke reduziert Anstand nicht einfach auf Benimmregeln und Manieren. Er verbindet Anstand mit der Frage, wie wir zusammen als Gesellschaft leben wollen. Er verweist auf das Rücksichtnehmen, auf die Fähigkeit, sich selbst zurücknehmen zu können. „Wir basteln immerzu am Ego und viel zu selten am Wir“, schreibt er. Wollen wir das ändern, verlangt es viel von uns, von jedem.

Friede Springer, die sich mit ihrer Stiftung ausdrücklich der Verteidigung der freien, sozialen Marktwirtschaft verpflichtet sieht, verkörpert all das. Indem sie unternehmerische Freiheit mit Gespür für das Gemeinsame, mit Fürsorge und Anstand versöhnt. Daraus wächst Autorität.

Der 9. November ist also ein Tag, der uns auffordert, unsere Freiheit zur Verantwortung wahrzunehmen. Sie zu übernehmen, heißt auch Verantwortung für die eigene Geschichte zu tragen. Auch das beweist Friede Springer. Sie unterstützt politische Bildungsarbeit und trägt dazu bei, das historische Bewusstsein zu schärfen. Vor allem mit ihrem persönlichen Einsatz für die deutsch-israelische Freundschaft.

Als Friede Springers Liebe zu Israel vor gut 50 Jahren begann, lag die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel gerade einmal drei Jahre zurück – selbstverständlich war sie da noch in keinem der beiden Länder. Aber es gab Persönlichkeiten, die daran mit viel Elan arbeiteten und dies auch öffentlich zeigten. Dazu zählten Teddy Kollek und seine Freunde, Axel und Friede Springer. Die enge Bindung, die sich bis heute zwischen unseren Ländern herausgebildet hat, verdankt diesen öffentlich gelebten Freundschaften viel.

Die Aussöhnung bleibt angesichts der deutschen Verbrechen an den europäischen Juden ein Wunder. Man konnte sich das nicht verdienen, aber wir dürfen dankbar sein. „Israel gehört in unsere Mitte“, sagt Friede Springer. So ist es. Und die Tatsache, dass heute ein lebendiges Judentum in der Mitte unserer Gesellschaft längst wieder Realität geworden ist, bleibt ein Geschenk, das uns verpflichtet.

Wenn man aus der Geschichte lernt, kann Erinnerung Maßstäbe schaffen. Und Maßstäbe brauchen wir, damit wir in dieser Zeit schneller Veränderungen nicht jede Orientierung verlieren. Wo uns der 9. November 1938 zu historischer Verantwortung mahnt, kann uns der 9. November 1989 Zuversicht geben: Wenn wir sehen, was wir gemeinsam geschafft haben, wenn wir sehen, welche Aufgaben wir bewältigen konnten. Wir haben Grund dankbar zu sein, stolz zu sein. Und wir haben vor allen Dingen Grund, aus der Erinnerung Kraft zu schöpfen, um die Aufgaben von heute und morgen zu meistern.

Der 9. November ist der deutsche Schicksalstag – und Friede Springer ist eine wunderbare Preisträgerin. Sie erinnert mit ihrem persönlichen, privaten Engagement daran, was die 1989 so glücklich errungenen Freiheiten von uns verlangen: Verantwortungsgefühl und den besonderen Einsatz für das Gemeinwesen. Ich gratuliere deshalb der „Deutschen Gesellschaft“ zu ihrer klugen Wahl und Ihnen, liebe Frau Springer, zu der verdienten Würdigung.

16.11.2017

 

 

 
 
 

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